Die moderne hebräische Literatur entwickelte sich nicht geradlinig vom kollektiven Zionismus zum Individualismus. Autoren, die zur Zeit der Staatsgründung schrieben, beschäftigten sich häufig mit Pionierleben, Krieg und dem Aufbau des Staates; spätere Romanautoren erweiterten das Spektrum um intime Psychologie, Familiengeschichten, formale Experimente und Auseinandersetzungen mit dem jüdischen Leben. Amos Oz, A. B. Yehoshua und David Grossman stehen für unterschiedliche Phasen und Ansätze, nicht für eine einheitliche literarische Bewegung.
Die Themen der hebräischen Literatur wurden vielfältiger
Der neue Staat bot Autoren einen Rahmen, in dem sie die Belastungen des öffentlichen Lebens anhand einzelner Figuren und Familien untersuchen konnten. Damit verschwanden die älteren Fragen nach hebräischer Kultur und nationaler Geschichte nicht. Vielmehr eröffneten sich weitere Zugänge: über eine Ehe, ein Familiengeheimnis, eine geteilte Stadt oder die unzuverlässige Schilderung einer Figur.
Die Geschichte des modernen hebräischen Schreibens reicht zudem weiter zurück als die Staatsgründung. Hebräisch hatte eine lange literarische Tradition und wurde über Generationen hinweg als gesprochene Sprache wiederbelebt; die spätere Literatur der drei gefeierten Romanautoren war nicht die Ursache dieser Wiederbelebung. Ihre Werke zeigen vielmehr, wie sich die hebräische Prosa als Medium für zeitgenössische Geschichten weiterentwickelte.
Drei Autoren, drei unterschiedliche Œuvres
Amos Oz (1939–2018) wuchs in Jerusalem auf und lebte ab seinem 15. Lebensjahr bis 1986 im Kibbuz Hulda. In seiner Literatur finden sich das Kibbuzleben und Jerusalemer Familien; oft stellt er gesellschaftliche Ideale neben private Sehnsüchte. Siehe Amos Oz: Kibbuzleben und Jerusalem in der Literatur.
A. B. Yehoshua (1936–2022), geboren in eine sephardische Familie Jerusalems, schrieb Romane, die Generationen und geografische Räume umspannen. Der Liebhaber und Herr Mani erkunden mit wechselnden Stimmen und historischen Schauplätzen, wie Familien jüdische und israelische Erfahrungen erzählen. Siehe A. B. Yehoshua: sephardische Identität, Exil und Erzählform.
David Grossman, 1954 in Jerusalem geboren, gehört einer jüngeren Generation an. Stichwort: Liebe handelt von einem Kind von Holocaustüberlebenden, das die Geschichte verstehen will, die seine Familie geprägt hat; Eine Frau flieht vor einer Nachricht stellt die Reise einer Mutter und ihre Sorge um ihren Sohn in den Mittelpunkt. Lesen Sie David Grossman: Erinnerung an den Holocaust und die Kosten des Krieges.
Literatur und öffentliches Leben
Diese Autoren schrieben auch Essays und beteiligten sich an den öffentlichen Debatten in Israel. Oz war eine führende Persönlichkeit von Peace Now; ihre öffentlichen Rollen unterschieden sich, und literarischer Ruf allein lässt sich nicht mit politischem Einfluss gleichsetzen. Ihre Bücher erreichten durch Übersetzungen ein internationales Publikum. Grossmans Kommt ein Pferd in eine Bar, übersetzt von Jessica Cohen, gewann 2017 den International Booker Prize. Zu ihrem öffentlichen Wirken und ihrer internationalen Rezeption siehe Israelische Schriftsteller als öffentliche Intellektuelle und international gelesene Autoren.