Saudi-Arabiens Rolle als Hüter der beiden heiligsten Moscheen des Islams verleiht seinen öffentlichen Positionen religiöse Bedeutung. Muslimische Gemeinschaften und Gelehrte folgen jedoch keiner einzelnen Autorität. Eine Normalisierung könnte die öffentliche Debatte in der Region beeinflussen; sie würde Riad weder die Kontrolle über die islamische Auslegung übertragen noch Streitigkeiten über Jerusalem automatisch beilegen.
Der religiöse Einfluss Saudi-Arabiens ist begrenzt
Der Titel des saudischen Königs, Hüter der beiden heiligen Moscheen, bezieht sich auf die Große Moschee in Mekka und die Prophetenmoschee in Medina. Die saudische Regierung und religiöse Institutionen können die Debatte im Königreich beeinflussen und offiziellen Positionen im Ausland Sichtbarkeit verleihen. Sie sprechen jedoch nicht für jede muslimische Gemeinschaft und legen keine einheitliche religiöse Reaktion auf diplomatische Beziehungen zu Israel fest.
Behauptungen, ein saudischer Erlass werde ein Hindernis für Hunderte Millionen Muslime beseitigen, überschätzen daher die Autorität des Königreichs. Eine sachlich vertretbare Darstellung ist enger gefasst: Eine Kursänderung Saudi-Arabiens könnte aufgrund des Status des Königreichs Einfluss haben, während die Reaktionen vielfältig blieben. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Saudi-Arabien im Rahmen einer Normalisierung eine neue Rolle an den heiligen Stätten Jerusalems erhalten oder formell angestrebt hätte.
Dokumentierte Hüterschaft Jordaniens
Jordaniens Rolle hat eine konkrete dokumentarische Grundlage. Artikel 9 des israelisch-jordanischen Friedensvertrags von 1994 besagt, dass Israel Jordaniens besondere Rolle an den muslimischen heiligen Stätten in Jerusalem respektiert und dieser Rolle bei Verhandlungen über den endgültigen Status hohe Priorität einräumen wird, wie der Vertragstext festhält. 2013 unterzeichneten König Abdullah II. und Mahmud Abbas ein Abkommen, das die Hüterschaft des Königs über die islamischen und christlichen heiligen Stätten Jerusalems bekräftigte und rechtliche Schritte zu ihrem Schutz genehmigte; der Königlich Haschemitische Hof veröffentlichte die Ankündigung des Abkommens. Die Darstellung des Königlich Haschemitischen Hofes fasst beide Vereinbarungen zusammen.
Die Hüterschaft ist von der täglichen religiösen Verwaltung sowie von Sicherheits- oder Souveränitätsansprüchen zu unterscheiden. Verantwortliche des jordanischen Waqf verwalten religiöse Angelegenheiten auf dem islamischen heiligen Bezirk; israelische Behörden kontrollieren vor Ort den Zugang und die Sicherheit. Diese Unterscheidung verhindert den Eindruck, eine einzige Institution übe jede Form der Kontrolle aus.
Warum die Frage für die Normalisierung wichtig ist
Die heiligen Stätten Jerusalems haben religiöse und nationale Bedeutung. Jede regionale diplomatische Veränderung kann daher Diskussionen über Zugang, Verwaltung und politischen Einfluss auslösen. Die vertraglich begründete Rolle Jordaniens ist bereits festgelegt und wurde durch das Abkommen von 2013 bekräftigt. Die Behauptung, Saudi-Arabien wolle diese Rolle übernehmen oder teilen, erfordert direkte Belege; sie sollte nicht aus der saudischen Hüterschaft über Mekka und Medina abgeleitet werden.
Formelle Beziehungen zwischen Israel und Saudi-Arabien könnten neue Kanäle für religiösen Dialog, Pilgerpolitik und regionale Konsultationen schaffen. Das wären jedoch mögliche Gesprächsthemen und keine angekündigten Ergebnisse. Entscheidend sind die Grenzen des religiösen Einflusses Saudi-Arabiens und die dokumentierte Vereinbarung mit Jordanien. Einen Überblick über die weiter reichende Bedeutung finden Sie in der Übersicht.